Heft 2/2026: WELT SICHTEN – EIN KUNSTHEFT
Die Ausgabe 2/2026 erscheint am 14. April 2026 und ist als Print und als E-Paper verfügbar.
- Raus aus der Blase – Prof. Roman Helbig im Gespräch mit Musiker:innen von „Barner 16“
- Arche & Archetypen – Jürgen Heinrich
- Kunst ist politisch – Dr. Christian Geyer
- Mehr Freiraum für Talente! – Prof. Frederik Poppe
- Kreativität kennt keine Behinderung – Hannah Kaltarar
- Rudolf Koppa
- Marcella Massa
- Deniz Aras
- Meta Schillmann
- Igor Oster
- Tony Cragg
- Ilan Averbuch
- Die Schattenspringer
- Johann Bertl
- Ralf Strehl
- Gesundheit ist das wertvollste Gut – Hannah Kaltarar
- Wir gehören auch dazu! – Britta Kiwit
- Fatale Rolle rückwärts – Dr. Thorsten Hinz
- Cartoon – André Sedlaczek
- Aktiv unterstützen statt nur dulden – Dr. Christian Geyer
- „Was ist schon normal?“ – Dr. Christian Geyer
Liebe Leserin,
liebe Leser,
neulich war ich mit meiner Familie im Sprengel Museum in Hannover - ein Ausflug in die Welt moderner und zeitgenössischer Kunst. Die Aufgabe an alle lautete: Findet jeweils ein Werk, das euch positiv anspricht, und eines, das euch verstört. So zogen wir in unterschiedliche Richtungen los, betrachteten, bestaunten und befragten die Arbeiten. Später trafen wir uns wieder, um uns in einem zweiten Rundgang unsere Fundstücke zu zeigen. Meine elfjährige Tochter machte den Anfang. Ihr verstörendes Kunstwerk war eine Videoinstallation der Künstlerin Pipilotti Rist aus dem Jahr 1992. Das Werk ist eine feministische Kritik an der männlich dominierten, kapitalistischen Pornografie. Den Titel „Pickelporno“ hatte sie nicht gelesen.
Über Geschmack lässt sich bekanntlich nicht streiten. Wenn damit jedoch nicht bloß die Vorliebe für oder gegen Gemüse gemeint ist, sondern unser Sinn für Ästhetik, dann lässt sich trefflich darüber diskutieren, was wir als schön oder verstörend empfinden. Geschmack fällt nicht vom Himmel. Er wird geprägt durch Erfahrungen, Vorlieben, Gewohnheiten, durch unseren Kunstkonsum und durch erlernte Beurteilungsschemata. Mit jedem Museumsbesuch verfeinern wir unseren persönlichen Geschmackscode, der – wie der Philosoph Hanno Sauer schreibt – auch Auskunft darüber gibt, welcher Klassenhierarchie wir angehören. Geschmack, Stil und Kultur sind die Währung unseres kulturellen Kapitals.
Es macht einen feinen, aber entscheidenden Unterschied, ob die Videoinstallation als inspirierendes oder verstörendes Kunstwerk vorgestellt wird, ob über ihre Bedeutung gesprochen wird oder ob ich mir ein eigenes Urteil bilde, statt die Bewertung anderer zu übernehmen. Und das unabhängig davon, ob ich das Kunstwerk als schön oder hässlich einordne. Denn „Kunst und Kultur“, schreibt der Schriftsteller Saša Stanišić, „sind nicht schmückendes Beiwerk, sondern Grundlage gesellschaftlicher Teilhabe. Gerade jenen Menschen, die oft übersehen bleiben, geben sie Sprache, Bilder und Räume, um sich und ihre Welt zu zeigen.“
Auf unserem Rundgang kamen wir auch bei Anselm Kiefer, Käte Steinitz und El Lissitzky vorbei. Solche Abenteuerreisen – ob auf den Spuren der Abstraktion oder in die Welt der Alten Meister – lassen uns hinter Türen schauen und neue Welten entdecken. Am Ende kaufte mein Sohn eine Postkarte. Franz Kline, schwarze Striche auf weißem Grund. Und ich fragte nicht, warum. Manchmal muss Kunst nicht erklärt werden. Es reicht, wenn sie etwas in uns berührt oder verstört. In einer Welt der vorgestanzten Antworten ist das die größte Leistung von Kunst: uns mit Fragen nach Hause schicken.
Ihr Christian Geyer
Redaktionsleiter






